Vermächtnis

Er stand mitten in der Werkstatt und grübelte über ein Detail. Im Grunde hatte er das Boot beim ersten Gespräch mit den arabischen Kunden im Kopf bereits fertiggestellt, doch der Teufel lag wie immer in den Feinheiten. Er baute seit mehr als 50 Jahren Boote und war mittlerweile ein gefragter Experte auf diesem Gebiet. Die internationalen Kunden kamen zu ihm in das kleine oberbayerische Dorf. Carls Name stand synonym für erstklassigen Bootsbau. Darauf war er stolz. Er hatte das Geschäft aus dem Nichts erschaffen. Alle hatten gelacht. Bootsbau in Bayern. Wie soll das denn funktionieren? …

Foto: tugol on Shutterstock

Helene Loev

Vermächtnis

… Boote brauchen die Weite, Boote brauchen das Meer. Aber er, Carl, hatte fest an seine Idee geglaubt und aus der anfänglichen Werkstatt in den vergangenen Jahrzehnten einen Betrieb mit 12 Mitarbeitern und 10 Millionen Jahresumsatz aufgebaut. Und jetzt sollte das alles an Hans gehen? Mit diesem Gedanken konnte er sich gar nicht anfreunden. Aber wer, wenn nicht Hans, sollte die Firma übernehmen? Seine Mitarbeiter waren gut, sonst hätte er sie längst entlassen. Aber es war keiner mit seinem Format dabei. Es hatte keiner seinen Schneid. Alle zu weich, alle zu nachgiebig. Und natürlich auch mit viel weniger Erfahrung. Der Dienstälteste war gerade einmal 25 Jahre bei ihm – was sind schon 25 Jahre. Er selbst hatte mehr als das Doppelte. Und das schätzten die Kunden, und sie zahlten es auch.

Wie in ihren anderen Kurzgeschichten gelingt es Helene Loev auch in diesem Buch, die einzelnen Figuren mit ihren Gedanken, Gefühlen, mit ihren Sorgen und Ängsten in den Mittelpunkt zu stellen. Unaufgeregt, feinfühlig und klar wird der Leser mit einem Familiensystem bekannt, seinen Verstrickungen und Aufgaben. Doch auch in diesem Buch passieren, wie im richtigen Leben, unvermutete Dinge, die den Leser dazu einladen, das eigene Leben mit dem Herzen anzuschauen, zu hinterfragen und anzunehmen.

 „Vermächtnis“ sensibilisiert dafür, Lebenszeit zu nutzen und das Leben zu leben, was man wirklich leben möchte. Ein Appell an die Liebe, das Leben und die Vergebung.

Erschien als Kindl-Edition, 2019

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